
Berge
Zeig mir Deine Zeichen, und ich sag Dir, wer Du bist. Das gilt auch für
Gipfelzeichen. Flaggen, Stangen, Steinmänner, Pyramiden, Gebetsfahnen,
Gipfelkreuze, aber auch Sendemasten und Observatorien – sie alle sind
Ausdruck einer kulturellen Haltung, einer ganz spezifischen Berg-, Welt- und
Lebensanschauung.
Als die Berge für sämtliche Religionen und Kulturen noch heilig waren,
begegnete der Mensch auf dem Gipfel seinen Göttern. Moses etwa stieg hinauf
ins unheimliche Nichts des wolkenumsäumten Gipfels, um die göttlichen
Gebote in Empfang zu nehmen. Der Berg ist in diesem traditionellen Sinn Grenzland
zwischen Himmel und Erde. Am Gipfel berühren sich der höchste Punkt
der Welt und der tiefste Punkt des Himmels. Er ist ein Ort der Grenzerfahrung,
auch der Grenzüberschreitung.
Der Berg war also ein schaurig heiliger Ort, und es schien in alten Tagen angeraten
zu sein, keine nennenswerten Spuren zu hinterlassen, wenn man denn schon unbedingt
hinauf musste. Musste - wohl gemerkt, denn die ersten Gipfelstürmer dürften
aus wirtschaftlichen Gründen oben gewesen sein: Hirten, Gemsjäger,
Kristallsammler. Eingebettet in ihre Glaubenswelt wollten sie den begangenen
Tabubruch wenigstens gut kaschieren. Es war wohl eher eine Kultur der Nicht-Zeichen,
aber voller Mythen, Legenden und Tabus.
So könnte man auch die Haltung jener Lakota-Indianer beschreiben, die
noch in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Verteidigung ihres heiligen
Berges Paha Mato in Süddakota ausrückten. Mehr als 200 Lakota versammelten
sich, um auf die Entweihung ihrer heiligen Stätte durch New Age- Enthusiasten
hinzuweisen. Sie beklagten, dass Nicht-Indianer an heiligen Zeremonien teilnehmen
und darüber hinaus überall ihre seltsamen Kristalle aufhängen.
Esoterische Berg-und Gipfelzeichen, die für die Lakota einen Tabubruch
darstellen.
Auch für die Hindus und Buddhisten in Tibet hat der heiligste Berg Asiens,
der Kailash, etwas mit Tabu und Verboten zu tun. Der Gipfel des Kailash darf
nicht bestiegen werden. Die Gläubigen dürfen ihn allenfalls umrunden,
um dadurch ihre Sünden los zu werden. Wenn überhaupt, so werden Gipfel
und Pässe im Himalaya mit wehenden, bunten Gebetsfahnen geschmückt.
Sie sollen Glück bringen, Gesundheit bewahren und Dämonen vertreiben.
Und darüber hinaus trägt der Wind die Mantras, die meditativen Gebetsformeln,
die auf den Gebetsfahnen niedergeschrieben sind, in den Himmel und die weite
Welt hinaus.
Gewiss, auch das eine Form der Grenzüberschreitung. Aber doch eine ganz
andere, als die, die sich in Europa letztlich durchsetzen sollte. Allmählich
und stillschweigend kehrte sich der westliche Mensch mit der Aufklärung
von seiner traditionellen Religiosität ab. Er entwickelte Selbstbewusstsein
und Neugierde. Es folgte die Zeit der wissenschaftlichen Bergbesteigungen,
und bald auch schon die der sportlichen Gipfelstürmer. Das Zeitalter der
vermeintlichen Erstbegehungen, der gezielten Grenzüberschreitungen. Mit
Steinpyramiden und Steinmännern baute sich der selbstbewusste Bezwinger
eines Berges nun seinen eigenen Berg, der den von Gott oder der Natur erschaffenen
um ein kleines Stück überragt.
Dies sollte mehr als nur deutlich machen: Hey Leute, schaut mal, ich war hier
oben! Es ging vor allem darum, zu zeigen, dass der Mensch die Natur in den
Griff bekommen hat. Vermessen? In der Tat, vor allem auch im wörtlichen
Sinn: Vermessungszeichen wie Stangen oder Stangenpyramiden, mit denen im 19.
Jahrhundert systematisch zahlreiche Gipfel der Alpen erfasst wurden, sind ebenso
zahlreiche wie sprechende Zeugen.
Fort-Schritt stand auf dem Banner der Bergsteiger, und dieses Banner wurde
auf möglichst alle Gipfel gepflanzt. Zum Beispiel in Form der Fahne, die
wohl das deutlichste Zeichen des Sieges über die Natur ist - ein quasi
militärisches Symbol für die Eroberung der lange Zeit so Respekt-einflössenden
Bergriesen.
Der Marburger Volkskundeprofessor Martin Scharfe bringt in der Skizze zu einer
Geschichte der Berg- und Gipfelzeichen Beispiele aus dem 19. Jahrhundert, die
belegen, wie martialisch die Bergsteiger selbst das Aufstellen von Gipfelkreuzen
empfanden. Ein Triumph über die Natur, mit ein paar Wermutstropfen des
schlechten Gewissens. 1841 wird zur Unterwerfung und „Entkränzung
des Berges“ auf der Eisspitze des Großvenedigers ein eisenbeschlagener
Pflock aus Lärchenholz eingerammt. Der Chronist vermerkt dazu: „Doch
geduldig trägt er nun, zum Zeichen der Unterwerfung, den Pflock in der
Eisstirne...“
Noch deutlicher ein Bericht aus dem Jahr 1799, der die Ersteigung des Kleinglockners
zum Gegenstand hat. Darin wird erläutert, wie der “Scheitel des
Glockners durchbohrt werden musste“ und „die Operation einer Trepanirung
vollkommen ähnlich“ war. Trepanirung ist eine chirurgische Schädelöffnung
- die Bergsteiger waren offenbar der Überzeugung, mit dem Berg gleichsam
ein Lebewesen bezwungen zu haben.
Das Triumphgeschrei des Erdobertanen einerseits, die devote christliche Haltung
und das schlechte Gewissen andererseits – kein anderes Gipfelzeichen
kann diese menschliche Ambivalenz besser ausdrücken als das christliche
Ursymbol des Kreuzes.
Erst von etwa 1800 an begann man systematisch Bergkreuze auf den topographisch
höchsten Stellen anzubringen. Zu einer Zeit als der Fortschrittsglauben
dem Gott-Glauben schon mehr und mehr zusetzte, schossen allenthalben die Kreuze
aus den Bergen. Und zwar überall, nicht nur auf heiligen Bergen oder Wallfahrtstätten.
Dass man diese Kreuze in jenen Technik- und Wissenschaftsgläubigen Tagen
auch schon bald praktisch zu nutzen begann, ist nicht verwunderlich.
So hat der Erzherzog Johann von Österreich im Sommer 1823 auf dem Erzberg
in der Steiermark ein Gipfelkreuz errichten lassen, mit einem monumentalen
gusseisernen Christus und einem Blitzableiter, der über das Haupt des
Gekreuzigten hinausragt und hinterm Kreuz im Fels geerdet ist. Fromm und praktisch
in einem.
Der Mensch hatte die Gesetze der Natur entdeckt und mischte sich fortan in
Gottes Handwerk. Unter dem vier Meter hohen Großglocknerkreuz aus dem
Jahr 1800 steht eine überdachte Messstation mit Barometer. Das Kreuz ist – so
schreibt der Volkskundler Martin Scharfe – „bei Licht besehen nichts
anderes als ein Traggestell für Messgeräte.“ Und so wurde es
mehr und mehr zum kulturellen Zierrat. Das Zeitalter der Nützlichkeit
hatte die Berggipfel erreicht.
Von da ist es nur noch ein Sprung zu den neuesten Zeichen der Zeit. Zu den Sendemasten und –anlagen, die in der Horizontalen die Grenzen überwinden. Zu den Observatorien und Teleskopen, die in den Weltraum zielen, um in der Vertikalen neue Grenzen zu überschreiten. Oder zu so genannten touristischen Highlights, die als gigantische „Eispaläste“ und „SphinxTerrasssen“ auf dem „Jungfraujoch-Top of Europe“ zu finden sind.